Iris Muhm: Gangpferde, Wanderreiten, Zirkus und mehr...
(aus „Pegasus“ – das Pferdemagazin 1/99 von Christiane Slawik)
Manche Leute sind in bezug auf Pferde einfach Naturtalente.
Sie haben Dinge, die sich andere hart erarbeiten mußten, nie gelernt, sondern einfach immer nur richtig gemacht. Die junge österreichische Gangpferdetrainerin Iris Muhm ist so ein Naturtalent, und es gibt eigentlich nichts, was sie mit ihren Pferden nicht macht.
Seit einer Stunde reiten wir nun schon durch das schöne Mühlviertel nahe der tschechischen Grenze und besichtigen die Gegend für Fotoaufnahmen. Bergauf, bergab, Wege und schmale Pfade, felsige Abschnitte, Wald und Wiesen. Wir können uns voll und ganz auf unsere hervorragend western gerittenen, trittsicheren Pferde verlassen, auch wenn sie sich töltend sehr schnell voranbewegen. Obwohl zum Teil sehr hoch im Blut stehend, sind sie ruhig und umgänglich, ihre Sättel und überwiegend gebißlosen Zäumungen tiptop gepflegt. Ausgebildet wurden sie von unserer Führerin Iris Muhm, an deren ganz persönliche "Reitweise" wir uns erst gewöhnen mußten: Sie sitzt nämlich "für diese kurze Tour" so eben mal ohne Sattel und Zaumzeug auf ihrer Tinkermixstute "Terra Kiu Blue" und leitet den Schecken nach Indianerart souverän in allen Gangarten durchs Gelände und an allen Hindernissen vorbei.
Niemand hätte auf den ersten Blick vermutet, was in dieser kleinen, unscheinbaren und etwas pummeligen Stute alles steckt. "Eigentlich ist Terra kein besonders schönes Tier und ein faules Stück noch dazu, aber sie war 1991 das einzige Pferd, das ich mir leisten konnte!" erklärt Iris Muhm und krault der Stute liebevoll den Hals. Die Österreicherin wußte allerdings die Eigenschaften des Schecken schon in kürzester Zeit zu nutzen und baute eine spektakulär-komische Shownummer rund um ihre etwas phlegmatische Stute zusammen:
Terra fällt mitten im Galopp wie tot um, und während sich die als Clown verkleidete Iris vergeblich z.B. durch Wiederbelebungsversuche bemüht, das Pferd wieder auf die Beine zu bekommen, liegt dieses minutenlang völlig bewegungslos auf dem Rücken. Einige Späße und Zirkuslektionen später stürmen die beiden beim Happy End der Story ohne Sattel und Zaumzeug durch die Bahn, wobei die Stute auch noch auf Kommando buckelt. Mit dieser Nummer belegen Iris Muhm und Terra 1996 im nationalen Show-Wettbewerb der Messe in Wels den 2.Platz. Mehrere Einladungen u.a. zum "Fest des Pferds" nach Wien folgten, aber eigentlich widmet sich die 25-jährige Iris momentan lieber ihrem eigenen Betrieb.
Es klingt erstaunlich, aber es passt zu Iris, die sich das Reiten mit Hilfe eines widerspenstigen Ponys und selbst beigebracht hat: Gleich nach dem erfolgreichen Abschluß des Gymnasiums und dem Ablegen der Wanderreitprüfung beim Österreichischen Bundesverband für Reiten und Fahren machte sie sich mit einem eigenen Reitbetrieb selbstständig.
Auch das Western Riding Certificate hat sie inzwischen in der Tasche.Zunächst noch mit gemieteten Pferden, später dann mit eigenen Tieren verwirklichte sie ihr gut durchdachtes Konzept Relax on Horsebacks, bei dem der Umgang mit dem Freizeitpartner Pferd pure Entspannung und Spaß bieten soll. Behilflich sind dabei ihre sorgfältig zusammengestelten, überwiegend töltenden und western-ausgebildeten Pferde. Vom verschmusten Isi-Araber Mix Skipper über das freche Pony Charly bis hin zur sensiblen Austrian Trotter Stute Wiona ist wirklich für jedes Alter und Reitkönnen etwas dabei.
Ganzjährige Offenstallhaltung sorgt dafür, daß die Pferde, die regelmäßig von Iris korrekturgeritten werden, trotz des Reitbetriebes ausgeglichen sind und verläßliche Freizeitpartner bleiben.
Obwohl Vollblüter für einen Wanderreitbetrieb oder eine Reitschule eher ungewöhnlich sind, so beweisen gerade Iris töltender Traber täglich, daß das in sie gesetzte Vertrauen berechtigt war. "Leider sind in meinem Alter die Banken bei Existenzgründungen noch nicht so spendabel und die Traber waren die günstigsten Pferde, die man mir angeboten hatte. Wenn die Tiere gesund und brauchbar im Charakter waren, was bei Trabern nicht immer so einfach ist, konnte ich an ihrem Schritt hören, ob sie töltveranlagt waren. Ich töltete sie dann selber ein, weil ich der Meinung bin, daß diese Gangart unschlagbar ist, wenn man weitere Strecken zurücklegen will. Auch schwächere Reiter können innerhalb der Gruppe auf einem sicheren Tölter problemlos auch bei höherem Tempo mithalten und alle haben mehr Spaß! Außerdem bekommt man nicht oft die Gelegenheit, Gangpferde zu reiten und so kann ich meinen Kunden immer etwas besonderes bieten.
Besonders wichtig ist der selbstbewußten Iris die individuelle Betreuung der Gäste, für die parallel zu Reitstunden, Voltigieren und Therapeutischem Reiten ein ganzjähriges, vielseitiges Angebot zusammengestellt wurde. Neben Packpferdwanderungen, Ausritten zwischen 1-7 Stunden und Wanderritten zwischen 1-6 Tagen kreuz und quer durchs hervorragend mit Reitwanderwegen erschlossene Mühlviertel stehen Kinder- und Jugendreitwochen, Seminare im natürlichen Umgang mit Pferden sowie ein spezielles Winterprogramm auf dem Plan. Die professionelle und sorgfältige Planung bei Relax on Horsebacks sorgt zusammen mit den kleinen Gruppengrößen dafür, daß Iris mittlerweilen eine Menge Stammkunden hat.
Ihr spezielles Händchen für Gangpferde hat sich ebenfalls herumgesprochen. Nachdem sich Iris auf der großzügigen Anlage des Pferdehofes Ollmann in Bad Leonfelden eingemietet hat, geben viele Pferdebesitzer ihre Pferde in Beritt oder Korrektur. Zugleich betreut sie bei Ollmanns die Ausbildung der dort gezüchteten Missouri Foxtrotter. Auch bei dieser, hierzulande nahezu unbekannten Rasse zeigt sich ihr Talent und Gefühl für Gangpferde: Auf Anhieb gewann Iris Muhm 1996 auf der ersten Missouri-Foxtrotter Europameisterschaft unter rund 40 Startern gleich drei Vizemeistertitel in Horsemanship, Trail und einer Gangklasse und inzwischen lud man sie sogar zur Ausbildung dieser Pferde nach Deutschland ein.
Diese Erfolge sind schön, aber noch mehr bedeutet Iris die Arbeit mit ihren Tieren, an denen sie sehr hängt. Das spiegelt sich nicht nur in ihrer liebevoll gestalteten Sattelkammer, sondern vor allem im verantwortungsbewußten Umgang wieder. Alle Pferde wie Hund lassen sich spielend von ihr dirigieren und beherrschen diverse Tricks, die Iris gerne für Showauftritte nutzt. In die dreijährige Tochter ihrer Tinkerstute setzt sie große Hoffnungen: "Sie hat den Funken Temperament mehr, der Terra fehlt. Wer weiß, was ich in Zukunft noch mit ihr anstelle!"
Inzwischen sind wir wieder zurück am Stall. Sofort werden die Pferde fachmännisch versorgt, die Ausrüstung weggeräumt. Kraftfutter steht bereit. Penibel und routiniert kontrolliert Iris alles nach. Ein Hufeisen ist locker und wird von ihr nachgezogen. Alle Pferde dürfen schließlich zum Wälzen in die Halle und werden von uns mit einem Klaps auf den Hals in den großen Offenstall entlassen, wo duftende Heuberge auf sie warten. Diesen Schulpferden geht es gut und das wird auch so bleiben, denn Qualität a la Iris Muhm wird sich auf Dauer auch auf dem hart umkämpften Pferdemarkt behaupten.
Gedicht eines langjährigen Reitgastes aus der Schweiz:
MAGIE DES MÜHLVIERTELS
Mühlviertel, Mühlviertel, du Wunderland.
Deine Wälder sind wie ein Zauber.
Ich kann mich nicht erinnern, je ein so intensives Grün erlebt zu haben. Der Boden ist von leuchtendem Moos bedeckt, die Farbe scheint nicht wahr zu sein.
Wir reiten durch eine hohle Gasse, links, rechts Fichten, es wird dunkel, wie in einem Tunnel. Der Boden wird plötzlich weich, er gibt nach, Schichten von Nadeln machen ihn zu einem dicken Teppich. Man hört nichts, es herrscht absolute Stille, nur das Knacken der Hufe auf den kleinen Ästen bricht das Schweigen. Alles ist nass, die Fichten triefen vom Regen der vergangenen Nacht, den Himmel sieht man grau durch die hohen Stämme, die Pferde dampfen so stark, dass es einem wie Nebel vorkommt. Ich sehe den Vorherreitenden nur wie im Traum, gleich einer Erscheinung.
Es ist eine Zauberwelt, von unsichtbaren Gnomen, Geistern und Hexen. Sehen kann man sie nicht, aber fühlen. Die Luft ist voller Magie. Es könnte tiefstes Mittelalter sein, es würde mich nicht erstauen. Wir reiten endlos, zeitlos, im Schlafwandel, die Zeit ist angehalten, alles ist verschwunden, nur eine immense Ruhe macht sich breit.
Mühlviertel, Mühlviertel, du Wunderland.
Wenn wir aus dem Wald herauskommen, dann glänzen die Felder. Ich sehe sie schon, die Wiesenwege, die sich ins nächste Tal schlängeln. Das Pferd stemmt sich auf die Hinterbeine und bläht sanft die Nüstern. Es spürt den unendlichen Himmel, die Weite, soweit der Blick reicht. Die Ohren spielen kurz und in einem Sprung ist es im Galopp. Ich sehe nur noch die weißen Mähne des Schimmels von Wind und Bewegung aufgewirbelt. Das Tier fliegt in regelmäßigen Zügen durch die Luft und nimmt mich mit.
Nach einer Weile erscheint der bekannte Kirchturm, eine schwache Sonne versinkt hinter dem blassen Horizont. Ein alter Bauer und seine Frau sammeln gebückt die Äpfel vom Boden.
Abenddämmerung.
Mühlviertel, Mühlviertel, du Zauberland.
Marianne Wolfsgruber